Kaum spriesst das erste Grün, ist er da: der Löwenzahn. In der Westschweiz gehört er längst auf den Frühlingsspeiseplan, während er in anderen Regionen oft als „Unkraut“ abgetan wird. Dabei steckt er voller Vitamine, regt die Verdauung an und bringt mit seiner feinen Bitternote Abwechslung auf den Teller. Seine leichte Bitterkeit verdankt er den enthaltenen Bitterstoffen, die übrigens genau das sind, was ihn so gesund macht.
Besonders zart ist Löwenzahn im Frühling – vor der Blüte, wenn die Blätter noch jung sind. In Frankreich, Italien und Belgien ist er ein beliebter Salat, oft kombiniert mit Speck und Ei. Und ja, man kann ihn direkt vom Feld essen.
In der Schweiz gibt es regionale Unterschiede: Während er in der Westschweiz oft mit Vinaigrette serviert wird, geniesst man ihn in anderen Landesteilen eher als Mix-Salat. Doch egal wie – Löwenzahn ist ein echtes Superfood direkt aus der Natur.

Der Löwenzahn (Taraxacum officinale) ist ein echtes Überlebensgenie. Ursprünglich aus Europa und Teilen Asiens stammend, hat er sich längst über die ganze Welt verbreitet – von Nordamerika bis Neuseeland. Kaum eine Pflanze ist anpassungsfähiger: Er wächst in Wiesen, an Wegrändern, in Gärten, auf Bergweiden und sogar zwischen Pflastersteinen. In der Schweiz findet man ihn überall, von den Niederungen bis hinauf in alpine Lagen.
Wer ihn als Salat liebt, könnte auf die Idee kommen, ihn im Garten zu kultivieren. Geht das? Ja, aber ob es sich lohnt, ist eine andere Frage. Denn Löwenzahn ist genügsam, anspruchslos und vor allem: überall zu finden. Wer ihn zarter und weniger bitter mag, kann ihn im eigenen Beet kultivieren und die jungen Blätter ernten. Eine beliebte Methode ist das Bleichen: Deckt man die Pflanze mit einem Tontopf ab, wachsen die Blätter heller, milder und feiner im Geschmack.
Doch ob aus dem Garten oder frisch vom Feld – Löwenzahn bleibt eine der unkompliziertesten Wildpflanzen, die sich direkt in der Küche verwerten lassen. Wer ihn erntet, sollte allerdings darauf achten, unbelastete Standorte zu wählen. Dann steht einem frischen, knackigen Frühlingssalat nichts mehr im Weg!

In der Küche ist Löwenzahn ein echter Allrounder. Seine Blätter landen klassisch als Salat auf dem Teller, doch es gibt weit mehr Möglichkeiten, das gelbgrüne Frühlingskraut in Szene zu setzen. Besonders beliebt sind Löwenzahn-Spaghetti: Dafür werden die jungen Blätter fein geschnitten und mit Knoblauch, Olivenöl und vielleicht einem Spritzer Zitrone sanft angeschwitzt – ähnlich wie Spinat. Die Pasta nimmt den würzig-herben Geschmack auf, und wer es noch spannender mag, ergänzt geröstete Pinienkerne oder etwas Parmesan.
Doch nicht nur die Blätter, auch die leuchtend gelben Blüten sind kulinarisch eine Entdeckung wert. In der Westschweiz und im Tessin kennt man Löwenzahn-Honig schon lange. In der Deutschschweiz ist er noch ein Nischenprodukt und oft in den Hofläden von innovativen Produzenten anzutreffen. Eine sirupartige Köstlichkeit, die durch das Einkochen der Blüten mit Zucker und Zitrone entsteht. Das Ergebnis ist ein goldener, malzig-süsser Aufstrich, der fast an echten Bienenhonig erinnert. Perfekt aufs Brot, in Joghurt oder als besondere Süsse im Tee.
Wer es flüssiger mag, setzt aus den Blüten einen Sirup an. Ähnlich wie Holunderblütensirup wird der Löwenzahn mit Wasser und Zucker eingekocht, oft mit einem Hauch Vanille oder Orange verfeinert. Dieser Sirup passt nicht nur in erfrischende Getränke, sondern auch als raffinierte Zutat in Dressings oder Desserts.

Löwenzahn ist ein echtes Kraftpaket der Natur. Seine Blätter stecken voller Vitamine und Mineralstoffe: Besonders reich ist er an Vitamin C, Beta-Carotin und Kalium. Zudem liefert er Eisen, Magnesium und Kalzium in beachtlichen Mengen – fast so viel wie Milch. Doch was ihn wirklich besonders macht, sind seine Bitterstoffe. Diese regen die Verdauung an, fördern die Leberfunktion und wirken entwässernd. Kein Wunder, dass Löwenzahn in der Naturheilkunde als Detox-Kraut gilt.
Trotz dieser gesundheitlichen Vorteile haben bittere Lebensmittel in der Deutschschweiz einen schweren Stand. Während sie früher als natürlicher Appetitanreger geschätzt wurden, sind sie in den letzten Jahrzehnten aus vielen Küchen verschwunden. Unsere Geschmacksvorlieben haben sich verändert – hin zu süsseren, milderen Aromen. Die Lebensmittelindustrie hat ihren Teil dazu beigetragen: Viele Gemüse- und Salatsorten wurden gezielt auf Bitterstoffarmut gezüchtet, um sie „massentauglicher“ zu machen.
Ganz anders in der Westschweiz und im Tessin, wo der Einfluss der mediterranen Küche spürbar ist. Dort gehören Chicorée, Radicchio und eben auch Löwenzahn ganz selbstverständlich auf den Teller. Gerade im Frühling sind bittere Salate hier ein fester Bestandteil des Speiseplans. Die Kombination mit milden Zutaten wie Ei, Speck oder Nüssen sorgt für ein harmonisches Geschmackserlebnis. Vielleicht ist es an der Zeit, auch in der Deutschschweiz wieder mehr Mut zur Bitterkeit zu zeigen – nicht nur für den Geschmack, sondern auch für die Gesundheit.

In der gehobenen Gastronomie erlebt der Löwenzahn gerade eine Renaissance. Während er lange Zeit als „Arme-Leute-Essen“ galt, entdecken Spitzenköche seinen unverwechselbaren Geschmack neu. Kein Wunder, denn seine Bitterstoffe setzen aufregende Kontraste, die moderne Gerichte spannender machen.
In der Sterneküche findet man Löwenzahn mittlerweile in verschiedensten Variationen. Junge Blätter werden als aromatische Basis für edle Frühlingssalate verwendet – oft mit geräuchertem Fisch, Jakobsmuscheln oder feinem Ziegenkäse kombiniert.
Die Wurzeln werden geröstet und als Kaffeealternative serviert oder in Saucen eingearbeitet, um ihnen eine herbe Tiefe zu verleihen. Selbst die Blüten spielen eine Rolle: Sie dekorieren Desserts oder werden kandiert, um süssen Kreationen eine florale Note zu geben.
Besonders beliebt ist Löwenzahn in der modernen Pflanzenküche. Sterne-Restaurants setzen auf fermentierte Blätter als würzige Beilage oder verarbeiten ihn zu Pesto und Schäumen, die Gerichte mit einer eleganten Bitterkeit abrunden. Auch Löwenzahnöl – aus den Blüten gewonnen – wird vermehrt in Dressings oder als aromatische Veredelung eingesetzt.
Warum dieser Trend? Weil Löwenzahn nicht nur geschmacklich einzigartig ist, sondern auch für Regionalität und Nachhaltigkeit steht. Er wächst überall, braucht keine künstliche Züchtung und steckt voller wertvoller Nährstoffe. In einer Zeit, in der Naturküche und bewusster Genuss im Fokus stehen, hat der Löwenzahn seinen Platz auf den besten Tellern der Welt gefunden.